Heimat

Heimat? Gibt es das Wort eigentlich noch? Es ist wohl doch nicht mit dem 3. Reich abgeschafft worden?!

Heimat – das ist für mich da, wo ich mich wohl fühle, wo ich meine Basis habe, wohin ich immer wieder zurückkehre, weil es mir ein Bedürfnis ist, nicht weil ich es muss. Mein Bett? Nein, Heimat ist größer. Es ist die Wohnung, die Stadt, die Region, wo ich leben will. Meine Umgebung, meine… es gibt dafür wohl nur das Wort „Heimat“.

Fotoshooting - Kloster Andechs - Oktober 2014Urlaub in Bayern ist schön. Aber kann ich auf Dauer diesen Dialekt ertragen und die Berge, die Kühe, die Leute in Krachledernen und Dirndln? Irgendwas zieht mich zurück nach Hamburg.

 

Ein Urlaub in den USA, das in meiner Jugendzeit als das verheißungsvolle Land der unbegrenzten Möglichkeiten galt, begeistert mich sehr. Ich wohne in einer Gastfamilie. Die Sprache stellt keine Barriere dar. Ich fühle mich sehr zu Hause, schließe schnell Freundschaften. Und doch freue ich mich hinterher, wieder zu Hause zu sein, wo ich weiß, wie das Leben abläuft, was die Dinge kosten dürfen und wann sie überteuert sind. Ist es die Gewohnheit, die uns einen Ort als Heimat empfinden lässt?

China. Wieder bin ich in Familie. Ich habe mich seit Jahren ausgiebig mit Asien beschäftigt und verstehe die Sprache einigermaßen. Verständlich machen kann ich mich auch, auch wenn es für komplexe Diskussionen nicht reicht. Die Leute sind total nett, das Essen lecker, ich werde verwöhnt, es ist interessant, der Sommer ist sonnig, der Winter bitterkalt. Könnte ich mich hier niederlassen und Wurzeln schlagen, eine neue Heimat gründen? Auch wenn es mich hier fasziniert, habe ich meine Zweifel. Wieso? Was macht mich unsicher?

Ein Projekt erfordert, dass ich eine Zeit in Berlin verbringe. Ich wollte nie da hin. Was sollte ich da? Es lockt mich nichts, aber nun bin ich hier. Ich treffe Menschen, schließe Freundschaften, baue eine emotionale Beziehung zu Berlin auf. Berlin ist mir nun nicht mehr fremd. Aber ist es nun meine Heimat? Irgendwas zieht mich zurück nach Hamburg. Eine Zeit in Berlin ist ok, aber ich spüre deutlich, dass meine Wurzeln in Hamburg sind. Auf Dauer würde ich mich in dieser Stadt nicht wohlfühlen, und ich kann noch nicht einmal genau sagen, was der Grund ist.

Ich komme nach Kindelbrück. Nie gehört? Das ist ein kleines Städtchen in Thüringen. Die Gründelslochfee und ihre Familie haben mich eingeladen. Ich habe sie beim Königinnentag letztes Jahr in Hamburg kennengelernt. Nun bin ich bei ihnen zum Gegenbesuch. Ich bin einfach ein weiteres Familienmitglied. Ganz plötzlich und ohne Wenn und Aber. Ein Wunder. Ich fühle mich sehr wohl, sehr zu Hause.

Der kleine Ort wächst mir schnell ans Herz. Zum Heimatfest helfe ich die Kirche zu schmücken. Mir geht die Frage durch den Kopf, wie es sein kann, dass ich mich so zu Hause, so gut angenommen fühle. Das Heimatfest wird schön. Die Kinder singen von ihrem geliebten Kindelbrück, und es erwärmt mein Herz. Mir fehlt nichts. Es ist schön hier, ich könnte mir vorstellen, länger hier zu bleiben. Aber dann müsste ich wieder nach Hamburg. Warum? Integrationsprobleme?
Verdammt, was ist es, was mich in meine Heimat zieht? Der Job ist es nicht, denn der schickt mich eher aus Hamburg weg. Die Familie? Nicht wirklich, obwohl die auch ein Teil davon ist. Mir scheint, es ist die Gesamtheit, die Sprache, das Klima, die Gewohnheit, die Menschen, wobei mich das feuchte Wetter nicht gerade anzieht. Sind es nicht vor allem die Menschen? Was ist Familie? Ich empfinde meine Familie als die Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin und eine emotionale Bindung habe. In Kindelbrück habe ich erkannt, dass sie nicht mit mir verwandt sein müssen; ja manchmal können mir Freunde oder Bekannte viel näher sein als Verwandte. Dennoch bedeutet Familie auch in diesem erweiterten Sinne nicht „Heimat“. Sonst würde die Heimat ja mitkommen, wenn man mit der Familie verreist, was aber nur teilweise zutrifft. Ich kann liebe Verwandte in einer anderen Ecke der Welt haben und mich trotzdem in Hamburg am wohlsten fühlen. Wenn ich meine Heimat verpflanzen wollte, was müsste ich dann mitnehmen? – Nein, es geht nicht. Und doch glaube ich, könnte ich mir irgendwo eine neue Heimat schaffen. Wie könnten andernfalls all die Flüchtlinge Frieden finden, wenn sie nicht zurück können? Warum gibt es so viele Heimaten, die kaputt gemacht werden, wo Krieg hingetragen wird! Was tun Menschen da? Die Heimat ist doch irgendwie heilig; sollte es sein. Ich werde eingeladen zu einem Hoheitentreffen nach Neuhausen im Erzgebirge. Da gibt es mehr Nussknacker als Einwohner. Einer bezaubernder als der andere. Die Leute sind total nett und eher toleranter als in Hamburg. Ich bin begeistert und fühle mich sehr zu Hause. Gerne würde ich länger bleiben. Viele Häuser stehen leer oder zum Verkauf. Aber könnte ich hier auf Dauer leben?

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Dieser Beitrag erscheint im Buch „Hier darf ich sein“ mit Heimatgeschichten von Menschen aus Bergedorf und Lohbrügge, welches am 20.03.2015 vom Kirchspiel Bergedorf vorgestellt wird. Danach wird es in der Sachsentorbuchhandlung und Bergedorf-Info zu kaufen sein.