Auf dem Berg der Elemente von Dario Muskato

Das Feuer war glühend heiß!

Cran konnte sehen, dass es jetzt schon die ersten Holzhütten seines Dorfes erreicht hatte. Woher waren die Flammen nur so schnell gekommen?  Die Feuersbrunst hatte sich offenbar aus dem Nichts erhoben und war wie eine lodernde Woge über sie alle hereingebrochen. Den Dörflern stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Einige waren vor Angst ganz wirr, andere hatten dagegen schon Eimer geholt und bildeten zusammen eine erste Reihe hinunter zum Fluss. Doch was musste Cran hier sehen? Das Wasser war verschwunden! Nur eine trockene Rinne zeugte noch davon, wo ehemals frisches Nass vorbeigesprudelt war.

„Der wilde Fluss ist tot!“, durchzuckte es ihn.

 

Fassungslos sahen die Menschen auf das Wunder herab, das sie zu verhöhnen schien. Dann rumpelte es. Cran wand sich zur Seite und erstarrte. Nahm das Entsetzen denn kein Ende mehr? Vom nahen Götterberg fuhr eine Lawine zu Tal und auf sie alle zu. Nach der Feuerwelle kamen nun Erdfluten heran.

Und Wind!

Cran konnte erste kräftige Böen spüren, die über die Menschen und ihre bedrohten Behausungen hinweg bliesen. Und sie entfachten das Feuer neu, das sich nun brüllend zu einer Wand erhob. Der Dorfrand verglühte. Mensch und Tier zerfielen mitten im Lauf zu Asche. Es roch nach Staub und verbranntem Fleisch.

Und Cran hörte das Wimmern ringsumher.

Sein Herz hämmerte, seine Schläfen pochten. Dann erfasste ihn ein Schlag wie von einer Peitsche und er konnte nur noch schreien. Das Letzte, was er sah, war der Götterberg, über dem sich seltsame Gewitter entluden.  –

 

Cran fuhr wimmernd von seiner Nachtstatt auf. Sein Gesicht war von Furcht verzerrt und schweißnass.  Es dauerte einige Herzschläge ehe er erkannte, dass alles nur ein Traum gewesen war. Es war wieder eine dieser Visionen gewesen, die ihn seit sieben Monden heimsuchten.

Der junge Jäger setzte sich auf, trank etwas Wasser aus einem Krug und trat leise vor die Hütte seiner Familie, ohne die Anderen zu wecken. Sie hatten ohnehin kein Verständnis für Crans seltsame Gedanken und Gefühle. Sie taten seine Schreckensbilder damit ab, dass er tagsüber zuviel grübeln und fettes Fleisch essen würde.

„Mach dich lieber nützlich und hilf Ulf die Basalte aus Thal.Jor holen!“, hatte ihm sein Vater geraten, der Steinmetz im Dorf war.  –

Cran seufzte und fuhr sich durch das verschwitzte Haar.

Er sah über das schlafende Dorf hinweg, hinüber zum großen Berg, den alle „Götterberg“ nannten. In seinem Schutz hatten sie ihr Dorf erbaut. Zu ihm beteten sie. Der Berg war heilig und durfte nicht betreten werden. Dort oben auf dem Gipfel – so hieß es – würden Götter wohnen. Und für diese hatten die Dörfler eine große Zahl von Feier- und Ritualtagen eingerichtet, an denen geopfert wurde. Frauen und Kinder… –

 

Heute Nacht sah der Berg besonders seltsam aus: Wetterleuchten umspielte seine Spitze, die in die dunklen Wolken darüber zu stechen schien, wie eine Klinge in Fleisch. Rote Wolken? Weißliche Blitze? Stille?

Cran bemerkte, dass es plötzlich auch brenzlich roch. Vom Fluss her hörte er ein widernatürliches Glucksen, und erste Zweige wurden von Lüften bewegt, die sich mehr und mehr zu regen begannen.

Der junge Jäger erschrak. Es war ihm so, als hätte er Ähnliches schon erlebt. Er kannte diese Nacht, nicht wahr? Er hatte sie seit sieben Monden immer klarer gesehen, und nun war sie gekommen!

„Oh, nein!“, flüsterte der Junge mit den großen Augen und begann zu zittern, „Bei allen Göttern, nein!“

Er schaute noch einmal zum Berg hoch, sah die Lichter wilder tanzen, die Wolken schneller ziehen und wusste dann, dass es soweit war: Er würde gehen müssen! Eine innere Stimme sagte ihm den Weg. Aber er fühlte es auch ohne dieses Raunen im Herzen: Er würde den Götterberg erklimmen! –

 

„Das Feuer spricht von wilder Sehnsucht!“ berichtete der rote Elementar. Er hatte einen langen Bart, leuchtende Augen und war uralt. In seiner knöchrigen Hand hielt er einen langen Stab, an dessen Spitze eine kleine Flamme tanzte. „Es muss leben und die Welt umarmen!“

„So ist es auch mit dem Wasser! Es tobt und braucht neue Kraft, neue Wege. Stillstand macht es schwach!“, knurrte der Elementar mit dem blauen Umhang. Auch er war ein Greis mit langem Haar, aber sein Blick war eiskalt. „Also hinweg mit dem Feuer! Es hat schon das Innere der Erde zum Toben! Lasst mein Wasser die Welt überschwemmen. Die Deiche an der Küste mögen brechen!“

 

„Haltet ein!“, ertönte da eine schrille Frauenstimme, und die Elementarin der Erde betrat den Zirkel auf dem Massiv, das Menschen „Götterberg“ nannten.

„Die Erde hat genug Feuer und Wasser getragen. Jetzt will sie selbst ins Leben gehen. Ihre Felsen und Erden brauchen Wandel! Lawinenzeit ist gekommen! Ich spüre es in allen Sedimenten und Metallen!“

 

„Was Du nicht sagst!“, spottete die zweite Elementarin dazwischen, die eine durchsichtige Tunika trug, die nichts verhüllte, aber viel verschleierte, „Erde mag ruhen, Feuer züngeln und Wasser tröpfeln: Meine Winde lassen sich nicht länger in Fesseln halten! Sturmbringer und Donnerorkan toben in mir. Es ist die neue Zeit der Luftwirbel gekommen!“

 

„Und so wird Feuer schneller sein!“

 

„Nein, meine Wasser ersticken es!“

 

„Meine Erden erdrücken Feuer und Wasser!“

 

„Und meine Winde verwehen euch alle drei!“, kreischte die Elementarin der Lüfte.

 

So kamen sie nicht weiter. Sie stritten sich schon seit vielen Dekaden um die Vormacht im Reich der Elemente. Also versuchten sie nun etwas Neues:

„Und was wäre, wenn wir alle zusammen die Menschen besuchen? Wenn Feuer, Wasser, Erde und Wind sich zu einem besonderen Turnier begäben? Gleich hier am Fuße des Berge könnte es beginnen?“

„Ein Turnier? Ein Wettkampf?“

„Ja! Wir ziehen alle los und schauen, wer bis zum Morgengrauen die meisten Menschlein töten kann! Dieser möge Ober-Elementar werden!“

„Das höchste Element wird gekürt?“

„Das Mächtigste gefunden!“

„So sei es!“

 

„Haltet ein!“, schrie da plötzlich eine fremde Stimme energisch dazwischen, und ein Jüngling trat zu ihnen in den Gipfelkreis. Ein Menschlein, ohne Frage.

Wie kam es hierher? Und was wollte es?

„Ihr seid die Götter?“, fragte Cran, und bemühte sich, eine feste Stimme ertönen zu lassen.

„Mitnichten! Wir sind Helfer der Götter!“

„Wir lenken die Kraft der Elemente!“

„Man nennt uns ´Elementare´!“

„Aber Menschlein können uns nicht sehen!“, endete der Greis des Feuers, und seine Augen loderten böse.

„Nun, ich kann es!“, erwiderte der junge Jäger trotzig und trat noch einen Schritt vor, „Ich kann euch sehen und hören! Ich hatte sogar Visionen von eurem Wirken!“

„Donnerschlag!“, entfuhr es der Elementarin des Windes, „Du kannst unsere Sphäre erreichen? Du bist sehend?“

„Dann ist er einer von uns!“

„Nein, nicht ganz! Er ist ein Menschlein. Aber auch irgendwie… anders!“

„Ja“, brummte der Greis des Wassers nachdenklich, „Er ist sehend! Er hat die Gabe des Verstehens!“

„Du meinst..?“, begann die Hüterin der Erde.

„Ja, die Prophezeiung wird jetzt wahr, wie mir scheint: `Es wird kommen der, der die Elemente versteht. Und er wird ändern den Lauf der Welt! Das wird sein der Tag, an dem die Elemente neue Herren finden. Aber auch diese werden versagen!´ So steht es geschrieben!“ –

 

Cran verstand nicht viel von dem, was die mächtigen Wesen sagten, nur so viel, dass sie offenbar zutiefst erstaunt und auch erschreckt waren. Sie rangen um Fassung und sammelten sich nur mühsam.

„Nun gut!“, sagte der Greis des Feuers schließlich zu Cran, „Dann ist unsere Zeit mit deinem Kommen beendet! Ein neues Zeitalter bricht an. Die Menschlein werden von nun an die Kraft der Elemente für ihre Zwecke nutzen, und wir kehren zurück zu den Quellen der Götter. Aber sei gewarnt!“

Cran sah ernst zu ihm auf.

„Es wird auch kommen die Zeit, da werden wir zurückkehren, weil euer Geschlecht die Kräfte nicht länger versteht! Dann wird wieder anbrechen die Zeit der Elementare und deren Willen wird wahr!“

„Ich verstehe“, flüsterte der junge Mann.

Aber er tat es nicht genug.

 

 

ENDE

 

 

 

 

Text von Dario Muskato