Wie aus Luise Bellmann ein Messie wurde

Luise Bellmann lebte seit mehr als zwanzig Jahren bescheiden und zufrieden in ihrer

kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe der Alster in Hamburg-Winterhude. Doch
plötzlich nahm das Schicksal eine für sie ungute Wendung. Der Vermieter wollte die
Wohnungen in dem Altbau mit der attraktiven Stuckfassade aus der Jahrhundertwende in
Luxuswohnungen umwandeln, um auf diese Weise in der gefragten Gegend höhere
Mietpreise zu erzielen. Es war nicht das erste Mal, dass das Schicksal Luise Bellmann
hart anfaßte, auch wenn sie persönlich nicht direkt betroffen war, als ihre Eltern mit dem
Auto verunglückten und der Vater daraufhin seinen Beruf als Musiker im Orchester der
Staatsoper aufgeben mußte.

Luise hatte sich aber trotz einer ebenfalls ausgeprägten musikalischen Begabung wegen
ihrer starken Schwerhörigkeit auf diesem Gebiet beruflich nicht verwirklichen können.
Stattdessen wurde sie Buchhalterin in einer Firma, die ihre guten Tage auch längst hinter
sich gelassen hatte. Weil die Buchhaltung ihr aber ebenfalls lag, widmete sie sich fortan
mit der ihr eigenen Genauigkeit der Welt der Zahlen bei der Verbuchung aller
anfallenden Posten. So ordentlich wie sie im Beruf arbeitete, gestaltete sie auch die
vierzig Quadratmeter ihrer Wohnung. Die Eltern konnten seit dem Unglück mit dem
Auto keine großen Sprünge mehr machen und sie nicht unterstützen, da sie selbst seitdem
bescheiden und zurückgezogen lebten.

Durch die häufigen Umstellungen und Modernisierungen in ihrer Firma hatte Luise
immer stressreichere Zeiten zu überstehen und konnte sich daher nicht mehr allzu oft um
ihre alten Eltern kümmern, worunter sie stark litt. Deshalb war sie froh, dass sie bald in
Rente gegen konnte, um all das nachholen und ihren neuen Lebensabschnitt planen zu
können. Sie hatte Geld für neue Möbel gespart und sich nun in einem exklusiven
Möbelhaus Schrankwände sowohl für das Wohn-, als auch für das winzige Schlafzimmer
ausgesucht. Präzise, wie sie es in ihrem Buchhalterleben gewohnt war, hatte sie vorher
ihre Wohnung genau ausgemessen, damit kein Platz ungenutzt blieb. Bis dahin, so
glaubte sie, würde die Hausverwaltung auch den Wasserschaden mit dem Schimmel in
ihrem kleinen Duschbad behoben haben.

Vierzehn Tage vor Lieferung der Möbel jedoch wurden ihre Pläne durchkreuzt, und ihre
schönsten Träume lösten sich in Luft auf, als ihr die Hausverwaltung per Brief den
Einbau einer neuen Heizung ankündigte. Dazu müßten vorab in sämtlichen Wohnungen
von unten nach oben durch die Stockwerke Löcher in Fußböden und Decken gebohrt
werden. Die Lieferung der maßgefertigten Möbel konnte sie nicht mehr absagen, da diese
bei dem neuen Verlauf der Heizungsrohre nicht mehr aufgestellt werden konnten, weil
sie nicht mehr dazwischen paßten. Als sie tags darauf im Möbelhaus anrief, gab man ihr
lediglich den Rat, die Schrankwände erst einmal auf eigene Kosten beim Spediteur
einlagern zu lassen, bis die Angelegenheit geklärt sei.

Die Hausverwaltung wünschte, dass sie ihren Schlüssel beim Nachbarn hinterlegen
sollte, damit die Handwerker in ihrer Abwesenheit jederzeit freien Zugang zu ihrer

Wohnung hätten. Panik überkam Luise bei dieser Nachricht angesichts der Tatsache, daß

sie ihre alten Schränke bereits hatte abholen lassen, damit der Einbau der neuen
Schrankwände zügig vorangehen konnte. Bettwäsche, Handtücher, Tischdecken und
andere Dinge lagen nun in ihrem Schlafzimmer fein säuberlich auf dem Fußboden
verteilt. Kleider und Mäntel waren in den Umzugskartons verpackt, die in einer Ecke
standen. Auch im Wohnzimmer waren Schrankinhalte wie Geschirr, Gläser,
Besteckkasten und Bücherhaufen auf dem Teppich gestapelt. Dazu kamen zehn Paar
neue hochwertige Schuhe, die noch in Kartons verpackt waren, und die sie sich
vorsorglich auf Vorrat angeschafft hatte, um so leichter durch die kommenden mageren
Rentnerjahre zu kommen. Vieles würde sie sich dann eben nicht mehr leisten können.
Auch neue Garderobe, noch in den Einkaufstüten mit dem Schriftzug des jeweiligen
Bekleidungshauses versehen, lagen dort. Wenigstens das Bett war noch frei, damit sie
darin schlafen konnte.

Rund um all diese Dinge hatte sie Platz für Gänge gelassen, um wenigstens noch
staubsaugen, wischen und die Fenster putzen zu können. Als die Nachricht von dem
Heizungseinbau kam, war sie so schockiert, dass sie zuerst gar nicht wußte, was sie nun
machen und wie und wo sie anfangen sollte. Auf allen sonst noch vorhandenen Möbeln,
sogar auf denen in der Küche, lagen Sachen aus den entsorgten Schränken. Nicht nur die
Auseinandersetzungen mit dem Vermieter wegen der Beseitigung des Wasserschadens
im Duschbad und der feuchten Wand mit dem immer schwärzer werdenden Schimmel
hatten an ihren Kräften gezehrt. Auch das bei ihrem Einzug arglos vom Vormieter
übernommene Duschbad mit dem engen und verbauten Zugang, das dieser auf eigene
Faust und nicht gerade fachmännisch selbst eingebaut hatte, führte nun zu Ärger mit dem
Vermieter. Damals war sie froh gewesen, dass es überhaupt vorhanden war, da die
Wohnung sonst kein Bad gehabt hätte. Jedenfalls nannte der Vermieter den Badeinbau
jetzt als Grund dafür, dass er sich für die Beseitigung der Feuchtigkeit und des
Schimmels nicht zuständig fühlte. Jetzt verlangte er von ihr auch noch den Rückbau des
Bades auf ihre eigenen Kosten in den vorherigen Zustand, den sie gar nicht kannte.
Angeblich sollte sich vorher dort eine Speisekammer mit einer Tür zu der daneben
gelegenen Küche befunden haben. Das Recht schien sogar auf seiner Seite zu sein. Ihre
Einwände ließ er alle nicht gelten sondern drohte nach nun zwanzig Jahren mit der
Kündigung. Luise war am Ende und wusste vor Verzweiflung nicht, was sie machen
sollte. So hatte sie sich ihren nahenden Ruhestand nicht vorgestellt. Als erstes ließ sie die
neuen Schrankwände beim Spediteur einlagern und bezahlte viel Geld dafür, das sie für
andere Dinge viel nötiger gebraucht hätte.

Obwohl das Bett in ihrem winzigen Schlafzimmer noch frei war, schlief sie inzwischen
bei ihren betagten Eltern, weil sie dort wenigstens das Bad benutzen konnte. Um die
Eltern zu schonen, verschwieg sie ihnen den größten Teil ihrer Schwierigkeiten. Diesen
bereitete es schon Kummer genug, ihre Tochter so unglücklich sehen zu müssen und
nicht helfen zu können. Bald darauf starben sie kurz hintereinander. Luise organisierte
mit letzter Kraft die Beerdigung und die Auflösung der elterlichen Wohnung. Die
nächsten Mieter warteten schon darauf, endlich einziehen zu können. Luise war so sehr

unter Druck, dass für die Trauer um ihre Eltern kaum Raum und Zeit mehr blieben.
Einige Sachen aus der Zeit ihrer behüteten Kindheit, in denen sie mit den Eltern viel auf
Konzertreisen in aller Welt unterwegs gewesen war, konnte sie noch an sich nehmen.
Auch diese legte sie nun zu den gestapelten Haufen in ihren Zimmern. Der Einbau der
neuen Heizung zog sich dann unendlich lange hin. Zuerst wurden zwar die Löcher in die
Fußböden und Decken gebohrt. Dann aber geschah lange Zeit nichts, und wieder dauerte
es einige Zeit, bis endlich die Rohre gelegt und die Heizkörper angebracht waren. Luise
lebte inzwischen auf einer Baustelle, für deren Fertigstellung kein Ende mehr abzusehen
war. Inzwischen sah es bei ihr wie auf einer Müllhalde aus, wenn auch einer gut
sortierten und allmählich schwand ihre Hoffnung, dass sich das alles noch einmal zum
Guten wenden könnte.

Da der Vermieter weiterhin keine Anstalten machte, die Durchfeuchtung und den
Schimmel im Bad zu entfernen, beging sie die erste Verzweiflungstat. Sie kürzte ohne
Ankündigung und Fristsetzung die Miete. Prompt servierte er ihr nach über 20 Jahren die
Kündigung mit der Begründung, sie hätte außerdem die Wohnung verwahrlosen lassen,
und durch die Vermüllung bestünde nun Brandgefahr. Außerdem wurde Luise unerlaubte
Taubenhaltung zur Last gelegt. Vor langer Zeit hatte sie einmal eine verletzte Taube
gesund gepflegt, die sich auf ihren Balkon verirrt hatte. Inzwischen war sie zu zermürbt
gewesen, um dauernd zu widersprechen oder sich sonstwie wehren zu können. Als dann
auch noch die Räumungsklage karn und sich kurz danach der Gerichtsvollzieher in
Begleitung der Polizei ankündigte, nahm sie wortlos, was zu tragen sie imstande war und
verließ damit die Wohnung. Sie hatte keine Pläne mehr und keine Hoffnung für ihr
baldiges Rentnerdasein. Auch die letzten Rechnungen der Spedition ließ sie unbezahlt.
Seit dem plötzlichen Tod ihrer Eltern war ihr alles so gleichgültig geworden, denn nun
hatte sie niemanden mehr, der ihr Halt geben konnte. Unterwegs fand sie einen achtlos
stehen gelassenen Einkaufswagen und legte ihre mitgenommene Habe hinein, um sich
dann mehr auf ihn gestützt, als dass sie selber ging, in Richtung Alster zu schleichen, wo
sie einst so glückliche Kindheitstage erlebt hatte. Sie wollte nichts mehr als nur noch ihre
Ruhe haben. Als es dunkel wurde, suchte sie sich ein einigermaßen geschütztes Plätzchen
unter einer der Brücken und legte sich die mitgenommene Decke über die Schultern. In
der Nacht kam, bevor es Frühling wurde, noch einmal der Winter mit Kälte und Frost
zurück.

Als sie am nächsten Nachmittag von Obdachlosen gefunden wurde, die selbst einen Ort
für die Nacht suchten, saß sie noch ganz aufrecht da. Als diese sie ansprachen, reagierte
sie jedoch nicht, denn sie war in der Nacht zuvor erfroren.

Renate Maslo Tel.: 040-710 59 09/24. August 201423:11 – Copyright-

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