Hanna und Louis(a)

Die Reise war anstrengend gewesen. Es gab niemanden in der Gruppe, der noch nach mehr als zwanzig Stunden Busfahrt ausgeruht und wach war. Wie vorgeschrieben, hatten die Fahrer nämlich alle zwei Stunden Pausen eingelegt.  Dadurch war die Anreise erheblich in die Länge gezogen worden. Im festen Vertrauen darauf, das gebuchte halbe Doppelzimmer, auch diesmal, wie schon oft zuvor, für sich allein zu haben, hatte Hanna wieder einmal von einem Einzelzimmerzuschlag abgesehen.Beim Einchecken im Hotel teilte der junge Mann am Empfang ihr diesmal aber mit, dass sie für ein paar Tage das Zimmer mit einer anderen Dame aus Deutschland teilen müßte, die aber bald nach Marokko weiterreisen wollte. “Na, wenn schon”, dachte Hanna, schließlich war sie trotz ihrer Scheidung immer noch verträglich und flexibel genug, um auch das noch ein paar Tage auszuhalten. Nun schlief sie tief und fest und träumte einer abwechslungsreichen Urlaubswoche entgegen, die sie hier im sonnigen Süden auf andere Gedanken bringen sollte. Als sie erwachte und die Augen aufschlug, sah sie auf dem Nachbarbett eine fremde Person sitzen, deren blondgewellte Haarpracht über den Rücken und dann sogar noch bis über die Taille hinaus reichte. “Guten Morgen”, sagte sie vorsichtig in neugieriger Erwartung auf die Vorderseite dieses Wesens. Die Bettnachbarin, die in Gedanken versunken durch das Fenster auf das blaue Meer, das sich in langen Wellen hin- und herwiegend über den Strand ergoß, hinausgesehen zu haben schien, drehte sich mit einem ,,Hallo” ruckartig zu Hanna um. “Ich bin Louis(a)”, hörte sie eine kehlige Stimme erwidern, die so gar nicht zu der weiblichen Rückenpartie paßte. Hanna erschrak kurz, denn sie blickte in ein Gesicht mit für eine Frau erstaunlich markanten Zügen. Sie riß die Augen auf und erkannte darunter eine nackte, aber glatt rasierte Männerbrust. Sie hielt den Atem an. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Wenigstens trug diese Louis(a) noch eine Pyjamahose.

Hanna war es gewohnt, nichts für unmöglich zu halten, und, ganz gleich in welcher Situation sie sich auch immer befand, weder ihre Mine zu verziehen noch gleich ,,Hilfe, hilfe., schreiend, “ein fremder Mann ist in meinem Zimmer”, auf den Flur hinauszulaufen. Stattdessen blieb sie ruhig und gelassen und sagte nur, dass sie Hanna sei und woher sie käme. Louis( a) erklärte, dass sie eigentlich ein Einzelzimmer gebucht hatte, wohl aber keines mehr frei gewesen und sie deswegen hier einquartiert worden sei. Sie würde auch nur für ein paar Tage bleiben und anschließend weiter nach Tanger fliegen, wobei sie auch nicht Tanger sagte sondern es französisch wie “Tanger” aussprach. Hanna wollte nun wissen, warum Louis(a) unbedingt nach “Tanger” reisen wollte, woraufhin diese nervös nach ihrer Zigarettenschachtel griff ,,Darf ich rauchen?” fragte sie Hanna, während sie gleichzeitig die Balkontür öffnete. Hanna hatte nichts dagegen, so dass Louis( a) mit einem Aschenbecher zurück ins Bett kam, sich die Bettdecke bis zum Halse hoch zog, und auch ihr eine Zigarette anbot. Hanna fand es, obwohl sie keine Raucherin war, in dieser Situation durchaus passend, dass sie jetzt im Bett gemeinsam rauchten. Louis(a) konnte so schöne Kringel hauchen, was Hanna nicht gelang, so sehr sie sich auch bemühte. So lagen sie beide nebeneinander im Bett und ein Zigarettenstummel nach dem anderen landete im Aschenbecher. Zuerst waren sie schweigend mit ihren Zigaretten beschäftigt, dann begann Louis( a) zu erzählen und Hanna hörte zu. “Wie duja schon bemerkt hast, bin ich als Mann geboren”, begann Louis(a), “aber das wird sich bald ändern. Deswegen fliege ichja auch nach “Tanger”. Den Arzt, der das machen wird, kenne ich schon. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Alles kein Problem.” Hanna wollte wissen, warum sie denn nun kein Mann mehr sein wolle, zumal sie doch so ein ausgesprochen gut aussehender sei. Als die halbe Packung Zigaretten aufgeraucht war, glaubte Hanna zu wissen, warum.

Hanna versuchte sich in Louis( a) hineinzufühlen, und das tat dieser gut. Zum ersten Mal hatte sie eine Frau getroffen, in deren Nähe sie sich angenommen und wohl zu fühlen begann. Auch Hanna vertraute ihr im Laufe des Gespräches bald Dinge an, die sie selbst ihrer besten Freundin nie erzählt hatte, nicht einmal zu jenem Zeitpunkt, als sie diese noch dafür hielt. Als sie dann jedoch Laura in flagranti mit ihrem Ehemann im Bett erwischte, litt sie am meisten unter dem Verrat und der Verlogenheit der beiden. Sie hatte nicht nur ihren Ehemann sondern gleichzeitig die vertraute Freundin aus ihrer Kindheit verloren. Danach glaubte sie nie wieder auch nur irgend jemandem vertrauen zu können. War es vielleicht möglich, in Louis(a) wieder eine neue beste Freundin zu finden? Schwule Männer sollten sowieso die besseren Freunde sein, die eine Frauje haben konnte! Aber war Louis(a) denn überhaupt ein schwuler Mann? Ihr Blick streifte kurz ihre Uhr, und sie rief erschrocken aus: “Schnell, schnell! Wir müssen ins Restaurant! Sonst kriegen wir kein Frühstück mehr!” Dabei sprang sie behende aus dem Bett und lief ins Bad. Louisa zog sich derweil einen langen Wickelrock sowie ein T-Shirt an: “Ich warte unten am Tisch auf dich! Beeil dich!” Dann eilte sie hinunter ins Restaurant, während sich nun unter dem T-Shirt auch ein angedeuteter Busen wölbte. Hanna kam nach, war aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf ihren Aufzug zu achten. Dafür hatten sie sich auch während des Frühstücks viel zu erzählen.

Der Mann am Empfangjedoch, der Louis(a) am Abend zuvor den Schlüssel für das Zimmer ausgehändigt hatte, sah am Morgen stark übernächtigt aus. Er hatte seinen Irrtum zu spät erkannt, um ihn noch rechtzeitig beheben zu können. Nun hatte er Angst um seinen Job. Das war aber nicht nötig, denn Hanna und Louis(a) schienen sich prächtig am Frühstückstisch zu unterhalten, so daß von ihnen wohl keine Beschwerde zu erwarten war. Ein paar Tage später sah abends er kurz vor Einbruch der Dunkelheit zwei Gestalten eng aneinander gekuschelt, die eine groß und mit langer blonder Mähne im langem Rock und eine kleine daneben in kurzen Shorts und kurzen Haaren auf den Felsen am Meer sitzen und andächtig den roten Feuerball der untergehenden Sonne betrachten. Weil es um diese Jahreszeit abends noch kühl wurde, hatten sie sich gemeinsam einen langen breiten Schal um die Schultern gelegt. Louis(a) war nicht mehr auf ihre Reise nach “Tanger” zurückgekommen. Auch Hanna hatte nicht mehr nachgefragt, wann es denn losgehen würde und hoffte inständig, dass Louis( a) nicht mehr darauf zurückkommen würde.

Renate Maslo – 1. März 2015 23:40 – Tel-Fax: 040-710 59 09 – Copyright-