Christi Himmelfahrt oder Vatertag? (von Renate Maslo)

Christi Himmelfahrt oder Vatertag? Die Sonne lacht, als sei ihr das ganz egal. Einzig der Himmel scheint argwöhnisch seine sonst so leuchtende Bläue hinter einem gräulich weißen Schmierschleier zu verstecken. Väter und Nichtväter sind am Ufer der EIbe unterwegs, ohne sich sonderlich dafür zu interessieren. Für sie ist es nur wichtig, dass die wackeligen Bierkästen und Futteralien nicht von den Bollerwagen herunterkippen.

Carsten, Willi, Uwe und Jörg köpfen bereits die ersten Flaschen Bier. Auf dem Wasser gleiten Boote vorüber und in der Feme hört man laute Huptöne. Überall sind heute Menschen unterwegs, während Entenmütter mit zahlreichen, kurz zuvor geschlüpften Küken laut schnatternd ihre Bahnen ziehen. Vatertag, ein Tag, an dem die Männer wieder einmal so richtig schön unter sich sein können. Uwe zeigt sich diesmal nicht mal mehr dem zweiten Bier gewachsen. Vor lauter Schufterei hat er sich schon lange nichts Alkoholisches mehr gegönnt, denn mit Erika, seiner Liebsten, hat er endlich seinen Traum von einer eigenen Sanitärfirma verwirklicht, weil Erika und er immer treu zueinander gestanden haben, wie sie es sich einst vor dem Altar gelobten. Erika war diejenige, die auch in schwierigen Zeiten an ihn glaubte und ihn immer unterstützte.

Als sie die dritte Flasche öffnen, sehen sie den Pastor ihrer Kirchengemeinde, der sie im Gottesdienst vermißt hat, auf sich zukommen. Da die Kirche heute noch leerer als sonst gewesen war, konnte er sich denken, wo er seine Schäfchen finden würde. Also streifte er Talar und Halskrause ab und begab sich auf den Weg zur EIbe. Schon von weitem sah er seine Vermutung durch den Rauch der Grillfeuer und zahlreiche Bollerwagen bestätigt.

“Hallo Herr Paster”, wird er sogleich von Uwe begrüßt, der sich schon leicht schwankend aufrichtet. Der Pastor gibt sich erstaunt. “Nanu, hier seid ihr also!” “Ich habe euch heute morgen schon vermißt!” ,,Ach Paster”, antwortet Jörg, der alltags in seiner Werkstatt an Autos herumschraubt, mit leicht verwaschener Stimme, “da gibt’s doch nichts Neues für uns, hick!” “Ja, außer, wenn du uns mal was über die Antriebsstechnik bei Jesus Christus Himmelfahrt zu Gott, dem Vater, verraten würdest!” ergänzt Carsten hinter seiner vorgehaltenen Hand. ,,Die, was?” Der Pastor ist entgeistert und Carsten, der in seiner Kellerwerkstatt gerade an einer Erfindung bastelt, die schon vor ihm jemand erfunden hat, was er aber noch nicht weiß, ergänzt, ,jo, dormit rückt die Kark nich rut, un mi’m Bollerwagen is dat so nich to schaffen. Wat meinste, Paster, wat die dann voll is!” “Ha, lacht Willi bierselig, “dann platzt se ut allen Nähten, wenn dann noch die von der Innung kommen!” Der Pastor lenkt etwas ratlos ab und kommt auf die Zehn Gebote zu sprechen.

Da richtet sich Uwe mit letzter Kraft kerzengerade auf und ruft: ,,Die Zehn Gebote kenne ich auswendig! Und meine Erika und ich: wir halten uns auch dran.” Er faltet die Hände und beginnt zu beten. Als er beim fünften Gebot angekommen ist, ruft er laut: “Du sollst nicht töten! Und was ist mit Rammstein, Paster? Da fliegen die Drohnen nach überallhin, wenn irgendeiner im Ausland aufn Knopp drückt!” ,,Beruhige dich!” versucht Jörg ihn zu beschwichtigen. “Das sind doch bloß Maschinen; die kennen doch das fünfte Gebot nicht.” “Sechstes Gebot:” fährt Uwe unbeirrt fort. ,,Du sollst nicht ehebrechen. Dazu hatten meine Erika und ich sowieso nie Zeit oder Lust! Das siebte Gebot: Du sollst nicht stehlen! Erika und ich: Wir stehlen nicht. Dafür haben sie bei uns schon wieder eingebrochen! Und werden die Diebe gefaßt? Nix da! Dafür müssen wir aber immer mehr Steuern zahlen, Paster! Wir kriegen bald keine Luft mehr! Das Finanzamt schätzt uns immer viel zu hoch ein. Jeden Tag kämpfen wir gegen den Ruin an!” Er ist nicht zu bremsen und fahrt mit dem achten Gebot fort: .Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten! Und was machen die Politiker? Die giften sich ständig an im Kampf um unsere Wählerstimmen, anstatt vernünftige Politik zu machen und uns ehrlich zu überzeugen. Da kann einem nur noch schlecht werden!” Er würgt, als müsse er sich übergeben, fahrt dann aber fast hilflos fort: “Wo steht die Kirche uns da bei?” “Jo”, grunzt Willi, “und nach dem Kasperle-Theater gehen die Politiker alle miteinander einen saufen!” Uwe sagt nun das neunte Gebot auf: .Du sollst nicht begehren deines nächsten Haus! Und was passiert, wenn du mal die Raten nicht gleich zahlen kannst? Dann aber begehren die Banken dein Haus und kommen mit der Zwangsversteigerung! Wo sagt ihnen da die Kirche, dass das gegen das neunte Gebot verstößt und verboten ist, Paster?”

Zum Schluß betet er noch das zehnte Gebot: ,,Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat! Meine Erika und ich: Wir halten uns an die Zehn Gebote! Wir zahlen nur und begehren nichts, was uns nicht gehört. Aber guck nur mal bei den Immobilien. Da wirst du auf die Straße gesetzt, wenn du dir die Mieterhöhung nicht mehr leisten kannst! Das sieht man doch an den vielen hunderttausend Obdachlosen im Land! Und diese Haie werden auf unsere Kosten reich und reicher. Was tut denn die Kirche, um uns davor zu schützen, daß uns Regierung, Finanzamt, Reiche und Superreiche nicht noch mehr ausnehmen? Nichts! Was soll ich da noch in der Kirche?” endet er bitter und hebt traurig die Flasche zum Mund. Der Pastor hat freundlich und gelassen zugehört. Er will jetzt aufbrechen, nicht nur, weil das Thema ihm unangenehm wird sondern weil er ein Stück weiter eine Familie aus seiner Gemeinde beim Grillen entdeckt hat. Daher fragt er zum Schluß lächelnd: “aber zum Abendmahl kommt ihr doch Pflingsten, nicht wahr? Christi Laib und Christi Blut! Rotwein!” zwinkert er. “Nö, lot dien Einladung man stecken, Paster”, entgegnet Jörg, “ick bünn Beertrinker! Wi all sünn Beertrinker!” Eine alte Frau, die gerade leere Flaschen mit ihrem Einkaufswagen einsammelt, ruft herüber: Kleine Kinder und Besoffene sagen immer die Wahrheit, Herr Pastor!” “Logisch”, erwidert ein Spaziergänger im mittleren Alter, der ebenfalls mit seiner Frau vorbeigeht, “die haben ja auch einen Schutzengel! Und den braucht man heutzutage mehr denn je!”

Renate Maslo – 4. Mai 2016

Copyright