Das Weihnachtsgeschenk der Bundeskanzlerin

Erst kurz vor Mitternacht stieg die Immobilienmaklerin zufrieden in ihr Auto, um nach Hause zu fahren.
Auch in diesem Jahr waren die Geschäfte wieder glänzend verlaufen. Das hatte sie nur der Bundeskanzlerin
zu verdanken, unter deren Ägide jenes Gesetz gelockert worden war, das bisher verhindert hatte, Mietern
wegen Eigenbedarfs zu kündigen, wenn sie schon vor dem Eigentümerwechsel eingezogen waren. Nun
konnte sich die Immobilienmaklerin frohen Mutes auf den Heiligen Abend im Kreise ihrer Familie freuen
und überlegen, wer nun für den nächsten Eigenbedarf in Frage kam. Weihnachtlicher Lichterschmuck
verdoppelte sein Licht in den Pfiitzen vor den Läden in der Einkaufsmeile. Künstliche Eiszapfen glitzerten
auch außerhalb der City an den Dachrinnen der Wohnhäuser und Geschäfte. Weithin leuchtete Santa Claus
auf seinem von Rentieren gezogenen Schlitten, so, wie es zu Weihachten, dem Fest der Liebe, Brauch war.

Hatte die Kanzlerin nicht auch gesagt, dass es Deutschland noch nie so gut gegangen war wie jetzt, seitdem
sie das Land regierte? Schließlich gab es immer mehr Millionäre! Und wenn die Kanzlerin das sagte, dann
stimmte das auch! Schließlich hatte es auch die Maklerin der Politik der Kanzlerin zu verdanken, dass sie so
schnell reich geworden war. Allein aus diesem Grunde würde sie sie jederzeit wiederwählen! Entspannt
lehnte sie sich in ihren Sitz zurück und überlegte, was sie wohl zu der demnächst stattfindenden Charity-
Veranstaltung anziehen sollte, da sie auch dort einen guten und gemeinnützigen Eindruck hinterlassen wollte,
so wie sich auch am Heiligen Abend in der Kirche wieder großzügig zeigen würde. In diesem Jahr erklangen
immer seltener Weihnachtslieder aus dem Radio. Mit zuviel christlicher Musik durfte man schließlich nicht
den muslimischen Neubürgern zu nahe treten, die die Kanzlerin eingeladen hatte. Sie schob eine CD mit
Weihnachtsmusik ein.

Diese “Gäste” der Kanzlerin sollten sich schließlich in ihrer neuen Heimat, in der sie so herzlich
aufgenommen und willkommen geheißen worden waren, auch wohl fühlen. Natürlich hatte auch die Maklerin
das ihrige dazu beigetragen und Wohnungen aus ihrem Bestand für diese Leute freigemacht. Als sie an einer
U-Bahn-Station kurz vor dem Hauptbahnhofvorbeikam, sah sie in dem gläsernen Busunterstand eine alte
Frau in Bettzeug und mehrere Decken gehüllt hocken. Davor stand ein Einkaufswagen, in dem sich die Habe
befand. In letzter Zeit sah man immer öfter alte Frauen und Märmer ziellos mit ihrem Gepäck durch die Stadt
ziehen. Die Maklerin war der Ansicht, dass solche Bilder diese schöne Stadt nur verschandelten und wollte
schnell weiterfahren. Doch sie mußte anhalten, weil die Ampel auf “rot” sprang.

Plötzlich erkannte sie die Obdachlose. War das nicht die ehemalige Mieterin, die sie aus der Wohnung
herausgeklagt hatte, weil sie angeblich nicht die volle Monatsmiete zahlen konnte? Der Mann lag wegen
Zehen- oder Fußamputation monatelang im Krankenhaus, und die vielen zusätzlichen Ausgaben hatten se
angeblich in Schwierigkeiten gebracht. Das war in den Augen der Maklerin noch lange kein Grund, ihr die
volle Miete vorzuenthalten! Zum Glück hatte das Gericht das genauso gesehen. Nicht einmal um einen
eigenen Anwalt hatte sich die Alte bemüht! Aber sie war ganz allein in dem Busunterstand! War der Mann
etwa tot? Asoziales Pack, dachte die Maklerin schnell. Für sie selbst jedoch hatte sich der Rauswurf mehr als
gelohnt. Durch die Neuvermietung an die “Gäste” bekam sie nun mehr als das Doppelte vom Amt.

Die alte Frau in dem gläsernen Bushäuschen aber hatte trotz der Temperaturen in Bodenfrostnähe wenigstens
einen schönen Traum: Ein helles, immer wärmer werdendes Licht bewegte sich auf sie zu. Und ein Engel mit
silbernen Flügeln erschien in dem Licht und sprach zu ihr: “Komm, ich habe ein warmes Bett für dich in
meinem Haus in der Uckermark!” Ein wunderbar warmes Gefühl durchströmte sie, denn dieser Engel war
doch tatsächlich die Bundeskanzlerin! Da war sie so dankbar, dass sie sich vornahm, die Kanzlerin ebenfalls
wiederzuwählen, wenn sie bis zur Wahl nicht erfroren war!

Renate Maslo – Copyright – 7. Dezember 2016