Stadtbummel mit Milka

Als Bäuerin mit zwölf Milchkühen im Stall wanderte ich diesmal mit meiner Kuh Milka, die so heißt, obwohl sie nicht lila ist wie die auf der berühmten Schokoladenschachtel, zum Hamburger Rathausmarkt. Dank Willi, dem Bullen aus der Nachbarschaft, waren einige meiner Kühe inzwischen schwanger oder vielmehr trächtig geworden. Das ließ auf reichliche Nachkommenschaft schließen, weil ich etwa fünfzig Tiere brauchte, um den Hof weiter bewirtschaften zu können. Wie immer empfing uns mein neuer Freund Kurt aus der Obdachlosenszene, der sich als Ingenieur und zugleich begnadeter Architekt von Wohnunterkünften aus Kuhscheiße für Mitbetroffene im Bankenviertel mehr als nützlich erwies. Es war schon spät am Nachmittag. Milka mußte dringend gemolken werden und unsere Kunden warteten schon. Sogar aus dem Rathaus kam ein Mann mit einem Becher in der Hand gelaufen. „Wenn sich das herumspricht, kommst du mit einer Kuh nicht mehr lange aus?“ gab Kurt zu bedenken. „Ja, ja“, erwiderte ich ganz aufgeregt, weil unsere gute Milch sich sogar schon bis ins Rathaus herumgesprochen hatte, „das ist doch prima! Der Bulle Willi sorgt schon ganz fleißig für Nachwuchs!“

Als wir uns kurz darauf ins Bankenviertel begaben, war ich ganz begeistert über den Fortgang der Errichtung der Wohnwaben aus Kuhfladen für die Obdachlosen an den Außenmauern der Bankgebäude. Das war nur möglich geworden, weil die Tiere meiner Herde inzwischen auch noch Durchfall bekommen hatten. Nein wirklich, unsere Obdachlosen hier hatten es wesentlich besser, als ihre Brüder und Schwestern in den Slums von Kalkutta und Mumbay, wie Bombay jetzt hieß und die dort, wenn sie Glück hatten, nur ein Dach aus Kartons oder Apfelsinenkisten über dem Kopf hatten, wie ich es auf einer Reise einmal sehen konnte. Dafür mußten wegen der Wohnwaben aus Kuhdung bei uns jetzt auch nicht mehr alle Obdachlosen in Schlafsäcken bei klirrender Kälte versuchen, draußen zu überleben. Aber schließlich wohnen wir hier in Deutschland ja auch in einem reichen Land! „Haben sich die Banken wenigstens schon mal wegen eurer unentgeltlichen Wärmedämmung erkenntlich gezeigt?“ fragte jemand. Davon hatten wir bisher noch nichts bemerkt. „Oh, guck mal da drüben“, sagte Kurt und zeigte auf einen Mann, der von vielen Menschen umringt war, „das ist doch der Hartzer, von dem wir neulich sprachen, dass er jetzt am Jungfernstieg betteln muß, um den ihm von der Bank für seine Rolex als Wertanlage aufgeschwatzten Kredit abzahlen zu können. Die haben ihm doch geraten, dass er sich auf seine alten Tage mal etwas gönnen soll, was mit Hartz 4 nicht zu bezahlen ist! Wir gingen näher an ihn heran, um zu hören, was er zu erzählen hatte. Wie einige bereits vorher richtig vermutet hatten, war das Job-Center auf ihn aufmerksam geworden, hatte seine Betteleinnahmen auf den Monat hochgerechnet und ihm die Stütze gekürzt. „Als ich da so bedripst auf dem Bürgersteig hockte“, erzählte er, „trafen sich nicht weit von mir entfernt zwei Männer. Den einen kannte ich vom Sehen und wußte, dass er bei der Bank um die Ecke arbeitete. Ich hörte, wie sie sich über Geldanlagen unterhielten und spitzte die Ohren. Der Banker lachte und sagte, dass die Geldscheine heutzutage sowieso nichts weiter als wertloses, bedrucktes Papier ohne Deckung seien, dass aber die Bank jetzt an den Krediten für arme Rentner und Hartzer prächtig verdiene, weil doch diese armen Schlucker auch mal eine Geldspritze brauchten, um über die Runden zu kommen. Das liege bedauerlicherweise eben an der wachsenden Austerität der Gesellschaft, erwiderte der andere. „Wat is‘n dat nu scho wieder?“ fragte einer der Umstehenden. „Das bedeutet Verarmung!“ rief eine helle Stimme von hinten. „Ja und, warum können die dat nich auf deutsch sagen, damit dat jeder versteiht?“ „Weil du das nicht verstehen sollst, weil du dich dann nicht mehr so leicht übers Ohr hauen läßt!“ Ach so! Als ich zu Hause die Papierservietten von Weihnachten in der Schublade liegen sah, hatte ich eine grandiose Idee“, fuhr der Hartzer fort, „erst schnitt ich sie auf Geldscheingröße zurecht und malte mit schwarzem Filzer Zahlen drauf. Erst konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich für die höchste Zahl den Weihnachtsmann oder lieber die Christsterne nehmen sollte. Als ich die Zahlen zum Schluß zusammenzählte und dabei der Betrag, den ich der Bank schuldete, herauskam, ging ich am nächsten Morgen mit den Zetteln zu meiner Filiale, denn schließlich hatte ich vom Banker am Jungfernstieg selbst gehört, dass die Geldscheine nur aus bedrucktem, wertlosen Papier bestehen. Großkotzig schmiß ich das Bündel auf den Tresen und sagte zu der Kassiererin: ,Da habt ihr euer Geld wieder. Ich will endlich meine Schulden bei euch loswerden!‘ Entgeistert blickte sie auf die Scheine, dann auf mich und sagte, dass das doch kein echtes Geld sei, sondern bloß Serviettenreste. Ich war aber so richtig schön in Fahrt und fragte: ,Wieso ist das weniger wert als eure Papierlappen aus dem Automaten?‘ Sie nahm das Bündel und ging damit wortlos nach hinten. Kurz darauf hörte ich brüllendes Gelächter und eine Männerstimme sagen: ,Der hat doch tatsächlich das System begriffen!‘ Dann lugte ein männlicher Kopf durch die halboffene Tür, die daraufhin blitzschnell geschlossen wurde.

Nach einer Weile kam die Kassiererin mit dem Mann und meinen Serviettenscheinen zurück. Als sie diese in den Papierkorb werfen wollte, rief ich: ,Halt! Stopp! Die will ich wiederhaben!‘ ,Was wollen sie denn noch damit‘ ,fragte der Mann neben ihr‘ ,die sind doch als Servietten Weihnachten nicht mehr zu gebrauchen?‘ ,Die sind nicht weniger wert als die Scheine aus euren Automaten‘ ,beharrte ich auf meiner Forderung, ,vielleicht ist euer Papier nur nicht ganz so lappig! Die beiden sahen sich vielsagend an, und der Mann lachte: ,Das ist aber Betrug! Haben sie dazu überhaupt eine Lizenz? Können Sie sich ausweisen?‘ ,Moment‘, erwiderte ich und kramte nach meinem Personalausweis. Als ich ihn hochhielt, lachte er nur ironisch: ,Ach, sieh mal einer an‘, drehte sich um und ging kopfschüttelnd nach hinten. Ich finde das nicht richtig“, ergänzte der Hartzer seinen Bericht, „schließlich kommt die Bank mit solchen Krediten allein durch einen einfachen Buchungsvorgang zu ihrem Vermögen, und wir müssen den mit Zinsen, dazu noch in echtem Geld zurückzahlen! Und das Geld, das die von uns kriegen, benutzen sie dazu, um auf diese Weise weitere Kredite für ihre Kunden zu erzeugen. Wieso dürfen die das machen und damit reich werden und wir nicht? Wenn ich mir ein Beispiel daran nehme und das nachmache, lande ich im Knast? Wieso die eigentlich nicht? Bin ich Sklave oder wat? Dabei reden unsere Politiker doch immer von unseren demokratischen Werten! Wo sind die denn?“ „Ja, wo sind die denn?“, war das vielstimmige Echo, „Ja wo wohl? Wollte die Kanzlerin die nicht in nah- und fernöstliche Länder exportieren?“ Ratlos wanderte ich mit Milka zum Wagen, lud sie auf den Anhänger und fuhr zurück zum Hof.

Renate Maslo – Tel.: 040-710 59 09 – Copyright- 3. November 2016 01:21