Stadtbummel mit Amanda

Am dritten Tag nahm ich meine Kuh Amanda mit in die Stadt, um auch sie wegen ihres eintönigen Lebens, so wie ich in Indien gesehen hatte, daran zu gewöhnen, um auch ihr etwas mehr Lebensqualität zu verschaffen. Auf dem Parkplatz wartete schon Kurt, der obdachlose Ingenieur, der dringend Nachschub an Kuhmist für seine Bleibe aus Fladen neben der Freitreppe eines der Bankgebäude benötigte. Um diesmal der Entrüstung des Juweliers in der Mönckebergstraße wegen der paar Kuhfladen vor seinem Schaufenster einige Tage zuvor zu entgehen, gingen wir diesmal durch mehrere schmale Nebenstraßen zu den Rasenflächen an der Alster, auf denen Amanda noch etwas Gras zu sich nehmen konnte. In der engen und von hohen Gebäuden umgebenen Straße davor gab Amanda mehrmals unwilliges Muhen von sich, das dunkel von den Häuserwänden zurückhallte. Das Gras an der Alster schien sie trotz der stark befahrenen, staubigen Straße daneben zu mögen. Nachdem sie ein paar Halme zu sich genommen hatte, öffnete sie zum Dank gnädig ihr Hinterteil für den glücklich die Fladen auffangenden Kurt. Am Rathausmarkt packte ich wieder, wie üblich, die Melksachen aus, um diejenigen, die meine Kühe Margarita und Elsa schon kannten, mal wieder mit einem Becher frischer warmer Milch aus dem Euter zu erfreuen. Inzwischen brachten die Kunden sogar ihre eigenen Becher mit, und auf die Frage, was so eine Portion denn kostete, legte ich den Preis von Aldi zugrunde. Das kam so gut an, dass sich der Milcheimer schnell leerte.

Nachdem ich alles wieder eingepackt hatte, begutachteten wir hinterher im Bankenviertel den Fortgang von Kurts Kuhfladenprojekt. Wieder einmal war ich sehr beeindruckt; der Mann hatte wirklich was drauf. Wieso fand man mit so viel Ideenreichtum heutzutage keine Arbeit mehr? Paßte er etwa mit seiner Kreativität nicht mehr in das gewünschte Schema? Oder war der Grund ein anderer, nämlich der, daß er über fünfzig war und sich bei seiner Qualifikation nicht mehr mit Mindestlohn abspeisen ließ? Suchte man deshalb nur auf fremden Kontinenten Arbeitskräfte, die unsere Sprache nicht verstanden und nahm dafür sogar in Kauf, daß hin und wieder mal eine Straße absackte und unbefahrbar wurde oder auch öfters Schäden an noch nicht lange fertig gestellten Objekten auftraten, so dass diese alsbald sanierungsbedürftig wurden, während die Zahl der Obdachlosen auch aus ehemals gut bezahlten einheimischen Fachleuten immer größer wurde? Mehrere Kumpel, die auch Hütten aus Kuhfladen brauchten, um nicht im Winter in Gefahr zu geraten, zu erfrieren, hatten sich eingefunden, um an der Kuhscheiße zu partizipieren, da sie auch durch Regierung und Politik keine andere Wahl hatten. Ich staunte, wie schnell in mehreren Schichten übereinander Wohnwaben entstanden, sobald genug Schiete da war, und dabei sogar noch Platz für Gänge dazwischen freiblieb, damit die Bankkunden ungehindert das Gebäude betreten konnten.

„Zahlt euch die Bank auch etwas für eure ehrenamtlichen Isolierarbeiten?“ fragte einer aus dem Kreis der Umstehenden, „Sie spart jetzt doch bannig veel Heizkosten?“ „Iwo“, ließ sich einer vernehmen, „die packen unser Wohnprojekt aus Kuhdreck höchstens als Apartments in einen Immobilienfond und verkaufen den an interessierte Anleger!“ „So?“ Wie werden die denn so was los?“ und ein anderer meinte in merkwürdigem Singsang: „Gold zu Gold! Den Anlegern ist doch egal, womit sie ihren eigenen Untergang finanzieren, wenn nur die Rendite stimmt!“ „Was kriege ich denn dann für meinen Kuhmist von denen?“ wollte ich wissen „Nichts!“ antwortete er, „Es sei denn, du kaufst deine Kuhscheiße in einen schönen Immobilienfonds eingewickelt zurück und stößt ihn rechtzeitig ab, bevor er abstürzt, dann haste vielleicht noch was vonne Wertsteigerung!“ „Wie? Ich soll meine eigene Kuhscheiße zurückkaufen und auch noch Geld bezahlen? Und die ganze Arbeit, wer bezahlt die?“ „So ist eben das Prinzip!“ hörte ich, „denn aus deiner Kuhscheiße is ein schickes Einzimmer-Apartment an einer Edeladresse geworden. Is doch logisch oder etwa nich?“ Ein anderer Kumpel nahm mich beiseite: „Weißte“, sagte er, „vorm Alsterhaus sitzt jetzt immern Hatzer mit’nem Pappbecher. Der muß betteln, um für ‘ne Rolex zu zahlen, die sie ihm angedreht haben.“ „Wozu“, fragte ich entgeistert, „braucht der noch ‘ne Rolex?“ „Das war so“, bekam ich zur Antwort, „dem flatterten andauernd Kreditangebote ins Haus.“ „Ach nee, obwohl der von Hartz vier lebt?“ ,,Jo und als ihm dat zu bunt wurde und er hinging und wissen wollte, wat der Blödsinn soll, da hat der von der Bank gefragt, ob er denn keine Wünsche hätte, die er sich als Hartzer nicht leisten könne. Ne, hat er gesagt, hat er nicht. Wie es denn mit ‘ner Wertanlage für schlechte Zeiten wäre, hat der Banker gefragt und auf seine eigene Rolex gezeigt, so etwas lasse sich immer gut verkaufen! Er sabbelte und sabbelte, bis der Hartzer ganz rammdösig war, und jetzt muß er für die Rolex auch noch betteln gehn!“

„Hä, hä“, lacht jemand aus der ersten Reihe, „die Bank hat bestimmt mit dem Wert der Rolex dem nächsten Trottel einen Kredit untergejubelt, um noch reicher zu werden und der Hartzer darf jetzt für den Buchungsvorgang mit echtem Geld und Zinsen obendrauf blechen!“ „Jo“, brummte jemand, „wenn jetzt aber alle auf einmal ihre Guthaben abheben, dann geht dat nicht; so viele Scheine und Münzen wie auf den Kontoauszügen is, gibt es gar nicht, hä hä. Davon können die doch höchstens ein Hundertstel zahlen!“ „Ööh, das glöv ik obers nich! Doorto sünn de Banken to anständig un to ehrlich“, bekam er zur Antwort und ein anderer antwortete, „ne, dann wird eben weiter Geld gedruckt und gedruckt, bis du, wie damals in Kriech, nech, für‘n Brot wedder ‘ne Million oder ‘ne Billion ob‘n Tresen legen mußt!“ „Dat weet man doch vom letzten Kriech!“ „Wer die nicht betohln konnte, der mußte verhungern, wenn er nich von woanners wat to eeten bekam!“ „Der Kumpel vorm Alsterhaus hat jetzt auch noch Angst, dass er überfallen wird und sie ihm die Rolex klauen. Als er nach dem Bankbesuch wieder klar inne Birne war und die Uhr zurückgeben und das Geld wiederhaben wollte, da hat die Bank dat glatt abgelehnt, weil ‘se nich ob de Zinsen verzichten wollte, und nun sitzt der Hartzer vorm Alsterhaus und muß betteln, damit er die Rolex betohln kann!“ „Wenner Pech hat, einer vom Job-Center kommt und siene Betteleinnahmen hochrechnet, kürzt der ihm noch die Stütze. Paß‘ mol ob!“ „Weeßte, wenne mit Hilfe von oben soweit unnen angelangt bist, dann haste keenen Ausweg mehr!“ sagte jemand. „Wo isser denn heute?“ „Na, wo wohl“, antwortete ein anderer,, „bie de Tafel türlich; der mutt ja ook mol wat to freeten ham!“

Renate Maslo – Copyright – Tel.: 040-710 59 09 – 1. Februar 2017 19:09