Stadtbummel mit Margarita

Während einer Urlaubsreise durch Indien haben mich die dort frei herumlaufenden Kühe ganz besonders fasziniert. So erinnere ich mich lebhaft daran, wie ich ihnen auf den Gehwegen in den Städten auf Augenhöhe begegnete. Das beeindruckte mich sehr und hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Bei meinen zwölf wohlgenährten Milchkühen im Stall und auf der Weide hingegen stehen die Knochen der Tiere nicht so unter der Haut hervor wie bei den Kühen in Indien, die sich dort überwiegend von weggeworfenem Müll ernähren. Die Kühe in Indien sind auch anders, vielleicht weil sie dort in völliger Freiheit leben? Meine Kühe grasen im Sommer draußen auf der Weide und stehen im Winter nicht auf Leistung getrimmt über Öffnungen für die Gülle dicht aneinander gedrängt auf dem Stallboden mit der Aussicht auf ein nur kurzes Leben. Auch scheint mir ihr Leben im Stall und auf der Weide viel eintöniger zu verlaufen, als das der heiligen, wenn auch sehr mageren Kühe in Indien. Was oder wer gibt uns überhaupt das Recht, so mit diesen Geschöpfen Gottes umzugehen, nur weil sie dem Menschen wehrlos ausgeliefert sind? Mit diesen Gedanken wollte ich mit den Stadtspaziergängen in Hamburg meinen Kühen mal eine andere Perspektive bieten. Also machte ich mich am nächsten Tag mit der Kuh Margarita als erste auf den Weg. Da ich sie unterwegs würde melken müssen, packte ich Melkutensilien wie Schemel, Eimer, Schöpfkelle und genügend Plastikbecher in den großen Rucksack. Schnell fanden wir einen Parkplatz für Wagen und Anhänger in der Nähe des Hauptbahnhofes und zuckelten anschließend zum Rathausmarkt. Vorsichtig führte ich Margarita links am Hauptbahnhof vorbei, da mir das Gedränge in der Bahnhofshalle für sie noch zu ungewohnt war. Auf der belebten Mönckebergstraße ernteten wir mit unserem Erscheinen bei einigen Passanten, die einen solchen Anblick in der Stadt nicht kannten, sowohl böse als auch belustigte Blicke. Entzücken erregten wir höchstens bei Touristen, die das aus Indien kannten oder selbst von dort gebürtig waren.

Es blieb natürlich nicht aus, dass Margarita gelegentlich Fladen fallen ließ. Auch landete ein solcher vor dem Schaufenster eines Juweliers, der daraufhin verärgert aus seinem Laden gelaufen kam und sogar mit der Polizei drohte, wenn wir uns nicht schleunigst entfernten. Einige Schaulustige waren nämlich wegen des für Städter ungewohnten Duftes schnell weitergegangen. Auf den staubigen Straßen in Indien hätte das nach meiner Erfahrung niemanden gestört. So sah ich mich auf unserem Weg gezwungen, öfters darauf hinzuweisen, dass in Indien die Wohnungslosen Kuhfladen dankbar als Baumaterial für ihre Hütten nähmen. In Hamburg gab es inzwischen auch schon etwa zweitausend Obdachlose und die Politik machte landesweit keine Anstalten, für diese Armen genauso viele Wohnungen bereitzustellen oder sie genauso gut zu versorgen wie die vielen, zumeist orientalischen Neubürger. Mit Stroh vermischt konnten Hütten aus Kuhdung hundert oder mehr Jahre halten und so manchen angesagten Glaskasten in der City überdauern. Trotzdem stieß ich auf wenig Verständnis dieser Art von Verwertung der Hinterlassenschaften meiner Kühe, obwohl Kuhmist für inzwischen beinahe sechshunderttausend einheimische Obdachlose in der BRD zumindest eine, wenn auch beschämende Ersthilfe für die zumeist grausam durch wirtschaftliche Umstände in Not geratenen Landsleute war. Diese Landsleute hatten meistens keine andere Wahl als sommers wie winters draußen in Schlafsäcken in Hauseingängen oder unter Brücken zu überleben zu versuchen, was nicht nur für ihre Gesundheit schädlich war, sondern auch ihre Lebenserwartung um mindestens ein Viertel verkürzt. Als Margarita und ich endlich den Rathausmarkt erreichten, wurde es Zeit zum Melken. In der Mitte des Platzes, nicht weit vom Eingang des Rathauses entfernt, wurden gerade Szenen eines Filmes gedreht. Ein Mann, der anscheinend zu der Crew gehörte, legte mir, auf einen herannahenden Polizeiwagen zeigend, die Hand auf die Schulter und feixte: „Wollen sie ihre Kuh nicht lieber noch schnell lila anmalen?“ Der Polizist, der ausstieg, beäugte uns aber nur kurz und stieg um Glück gleich wieder in das Auto, um weiterzufahren. So bewahrheitete sich Gott sei Dank meine Befürchtung eines jähen Endes unseres Stadtbummels nicht. Wahrscheinlich hatte er Margarita für eine Art Requisit der Filmleute gehalten. Eine alte Frau blieb stehen, um mir beim Melken zuzusehen. Vor dem letzten Krieg, erzählte sie wehmütig, habe ihre Familie auch einen Bauernhof in Ostpreußen besessen, den sie seither, genauso wie die rahmige Milch, frisch von der Kuh, schmerzlich vermißte, und ob sie mal probieren dürfte. „Gern!“ lud ich sie ein und reichte ihr einen Becher. „Meine Kühe sind im Sommer immer auf der Weide.“ „Oh, dass ich das noch erleben darf!“ Sie war außer sich vor Freude. „Wie gut und gesund das schmeckt, wie in der Heimat! Endlich mal keine homogenisierte, pasteurisierte Plörre aus dem Supermarkt!“ „Igittigitt, Oma, guck‘ mal die Scheiße da!“ rief ein kleines Mädchen und wandte sich voller Ekel an seine Oma, weil Margarita wieder einen Fladen produziert hatte. Das arme Kind wusste wohl auch nicht, wo genau die Milch herkam. Die Oma sah kurz zu uns herüber und antwortete: „Aber Nancy, so etwas sagt man doch nicht!“

Ein Obdachloser kam von den Alsterarkaden her und besah sich den Haufen genau, als hätte er meine Ausführungen zum Hüttenbau in Indien mitbekommen. „Für so eine Bleibe brauche ich aber eine ganze Menge von dem Kuhdung!“ stellte er fest. Können sie überhaupt so viel abgeben?“ „Ich habe nur zwölf Kühe!“ erwiderte ich. „Wenn man alle Fladen sammelt? Also, ich weiß nicht… Das wird wohl nicht reichen!“ „Mir wird es am Jungfernstieg jetzt zu ungemütlich“, fuhr er vertraulich fort, „ich ziehe lieber ins Bankenviertel um. Da kann ich so eine Hütte an einer der Außenmauern neben der Freitreppe des einen Bankgebäudes gut gebrauchen.“ „Das ist aber eine noble Adresse, die sie sich da ausgesucht haben,“ antwortete ich. „Ja“, grinste er voller Galgenhumor, „da habe ich gleich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt!“ „Wissen Sie denn auch, wie man so eine Hütte baut?“ fragte ich. „Na klar,“ erwiderte er, „ich bin schließlich Bauingenieur von Beruf gewesen und war nicht immer arbeits- und obdachlos. Erst als ich mit Anfang fünfzig meinen Job verlor, bin ich zum Schluß hier gelandet. Schließlich hat das Unternehmen die Weiterbildungskurse für uns Angestellte eingespart und lieber billige ausländische Fachkräfte gesucht! Dabei wollte ich mal Architekt werden!“ Er lachte bitter auf, so dass ich auch ihm einen Becher Milch aus Margaritas Euter anbot.

Als er „Hm, so etwas Gutes sagte“, hatte ich die Idee meines Lebens. Ab jetzt würde ich mich nicht mehr mit der Preisdrückerei der Meiereien herumärgern, sondern von nun an alle meine Kühe herbringen und die Milch gleich hier frisch vom Euter verkaufen.

Renate Maslo – Tel.: 040-710 59 09 – Copyright- 3. November 2016 01:21