Eisbein mit Sauerkraut – Renate Maslo

Eine Zeitlang waren sie eine Straße hinaufgefahren, in der sich hinter hohen Mauern mehrere Villen verbargen und die nun als unbefestigter Weg in den Wald führte. Er hielt vor einem kleineren, unter Efeu verborgenen und wie es schien halb verfallenen Gebäude hinter einem ebenfalls mit Efeu bewachsenen Zaun. Kathrin war überrascht. Was, hier sollte er wohnen? Der Kontrast zu dem Ort auf Sylt, an dem sie ihm zum ersten Mal begegnet war, erschien ihr zu gewaltig. Worauf hatte sie sich da bloß eingelassen! Zwar hatte sie darüber nachgedacht, ob es ratsam war, seiner Einladung zu folgen und ihn hier in seinem Zuhause zu besuchen, aber Tina hatte ihre anfänglichen Bedenken zerstreut. Nach dem Besuch des Edellokals auf Sylt, in dem sie damals einigen gelangweilten, um den Tresen versammelten Typen aus der Promiszene sowie einigen reichen Arabern begegnet waren, hatte sie ihn nach einem Lokalwechsel kennen gelernt.

Als sie das Lokal betraten, fiel er ihr gleich auf, denn mit dem weißen Schal über seinem dunkelblauen Anzug sah er aus wie die jüngere Ausgabe eines bekannten französischen Schauspielers. Wie aus Verzweiflung über die vertanene Zeit in der Promikneipe raunte sie Tina zu: „Du, mit dem fange ich was an!“ Tina war ganz erstaunt, denn solche Sprüche war sie von ihr noch nicht gewohnt. Als die Musik wieder einsetzte und Herrenwahl angekündigt wurde, kam er an ihren Tisch, als hätte er die Bemerkung gehört, und verbeugte sich mit einem “Darf ich bitten“! Sie fühlte sich ertappt und errötete leicht. Aber als ehemaliger Turniertänzer tanzte er wunderbar, so dass sie bis zum Schluß keinen Tanz mehr ausließen, und sie das Gefühl hatte, als schwebten sie nicht nur über das Parkett sondern auch über den Wolken. Als sie sich spät in der Nacht trennten, stellte Tina fest: „Der Mann trägt Maßanzüge aus feinstem englischen Stoff. Ich wette, der ist eine gute Partie!“ Tina mußte es ja wissen; sie kannte sich mit so etwas aus.

Als er sie am späten Vormittag mit seinem Sportwagen zu einem Ausflug um die Insel abholte, ließ Tina sich schon an der Sturmhaube absetzen. Schließlich wollte sie nicht unnötig die sich anbahnenden zarten Bande allein schon in ihrem beiderseitigen Interesse gefährden. Wenn sie beide schon so gut wie pleite waren, konnten nur noch ein oder zwei Millionäre sie vor ihrem endgültigen Ruin retten und ihnen den gewohnten Lebensstil weiterhin garantieren. Tina war auch bereits fündig geworden und hatte sich in Ken aus einer Grafschaft in England verliebt. Sie kannte bereits sein Anwesen, weil sie schon ein paar Mal in seinem Flugzeug dorthin mitgeflogen war. Es wurde Zeit für Kathrin, dass sie hierin endlich mit ihr gleichzog. Inzwischen war es Mittag geworden, und Bert hatte an einem Imbiß angehalten. Ohne nach ihren Wünschen zu fragen, bestellte er einmal Eisbein mit Sauerkraut und dazu zwei Bestecke. Kathrin war etwas verdutzt, hielt sich aber an Tinas Rat und sagte nichts. Schließlich durfte keine unbedachte Äußerung ihre Zukunft an der Seite eines möglichen Millionärs verderben. Inzwischen hatte Tina auch Probleme mit ihrem Ken. An jedem Wochenende trafen sie sich entweder in Paris, Rom oder London, und Tina mochte diese Wochenenden mit ihm auch nicht missen Aber nie kam er auf die Idee, zumindest das passende Flugticket diskret an ihrem Heimatflughafen für sie zu hinterlegen. Die vielen Reisekosten machten ihr nun zu schaffen, und die beiden Freundinnen überlegten hin und her, wie sie ihn unauffällig und ohne ihre Würde zu verlieren, auf die sie sehr viel Wert legten, dazu bewegen konnten. Schließlich gestand Tina traurig Kathrin vor ihrer Abreise zu Bert, dass sie sich von Ken trennen mußte, weil er ihr einfach zu reich war und sie sich die Treffen mit ihm nicht mehr leisten konnte.

Und nun war Kathrin hier und hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, vor einer, wie es schien, halb verfallenen Bruchbude zu landen, auch wenn Bert kurz zuvor in der Altstadt schon wieder, ohne sie vorher zu fragen, einmal Eisbein mit Sauerkraut und zwei Bestecken bestellt hatte. Eine breite Pforte im Zaun mit einem Tor zu der Hütte dahinter öffnete sich, und er fuhr hindurch. Zu ihrem Erstaunen handelte es sich aber um eine Garage, in der mehrere hochwertige Karossen standen. Galant öffnete er die Autotür an ihrer Seite, lächelte sie mit einem „Herzlich willkommen!“ an und berührte ihre Wange zart mit einem Kuß. Durch die Seitentür sah sie den üppig angelegten Vorgarten der am Hang abwärts gelegenen Villa darunter. Kathrin war überrascht. Er zog sie wieder in die Garage und öffnete eine Tür, die eine Galerie zeigte, von der eine breite Treppe hinunter in eine Halle mit einer einladenden Polstergarnitur führte. Gegenüber gewahrte sie den Kamin, in dem frische Holzscheite zum Anzünden bereit lagen.

Durch eine abgerundete bodentiefe Fensterfront gingen sie auf eine breite, davor liegende, sich dem Berg anschmiegende Terrasse, die den Blick auf die unter ihnen liegende Altstadt und den Fluß freigab. Ein festlich beleuchteter Dampfer fuhr gerade vorbei, von dem Musikfetzen zu ihnen heraufklangen. In der Halle entzündete er den Kamin und öffnete eine Flasche Wein. Dazu umspielte sanft der Frühling aus Vivaldis Vier Jahreszeiten die Szenerie. Hin und hergerissen zwischen romantischen Eindrücken und Eisbein mit Sauerkraut folgte sie ihm über die schmale Steintreppe auf die Terrasse darunter. Hier füllte er noch einmal ihre Gläser nach. Kaum konnte sie sich von der Sicht auf den Fluß lösen, als er sie sanft, aber bestimmt in den hinteren Raum zog, der genauso rund war wie das Bett in seiner Mitte. Dem traumhaften Abend folgte natürlich eine unvergeßliche Nacht. Eine seltsame Veränderung schien in ihm jedoch über Nacht vorgegangen zu sein, denn als sie am nächsten Morgen die Augen öffnete, zielte er mit einer Pistole und einem verzerrten Gesicht auf ihre Brust. Erschrocken richtete sie sich auf. „Wenn du mir untreu wirst, erschieße ich dich mit meiner Beretta!“ drohte er. Panik stieg in ihr auf, doch sie konnte sich beherrschen und intuitiv mit einem gequälten Lächeln gerade noch heiser flüstern: „Aber Liebling, diese da paßt doch gar nicht zu dir und deinem Outfit! Hast du kein eleganteres Modell?“ „So, meinst du?“ verblüfft besah er sich die Waffe. „Ja“, ergänzte sie, „laß‘ uns lieber frühstücken, ich habe Hunger!“

Auch wenn sie sich zwingen mußte, auch nur einen Bissen hinunterzuwürgen, versprach sie, nie untreu zu werden, wenn er sie jetzt zur Bahn brachte, damit sie ihren Zug nicht verpaßte. Als sie im Abteil saß, schwor sie sich: nie wieder Millionäre! Die konnten einen nicht nur finanziell ruinieren, sondern auch noch in Lebensgefahr bringen.

Renate Maslo – Copyright – 2. Januar 2018 22:30