Begegnung mit Rübezahl von Renate Maslo

Gebannt blickte Ulrike auf den großen stattlichen Mann am Eingang des Busses, in dem sie sich auf der Reise ins Riesengebirge und weiter nach Südosten befand. Sein grauer Wuschelkopf erinnerte sie irgendwie an Rübezahl, der einmal in der Gegend sein Unwesen getrieben hatte, durch die sie bald kommen würden. Doch ganz sicher im Gegensatz zu Rübezahl trug dieser Mann eine Baseball-Kappe und einen schon etwas verschlissenen Parka. Ihre Blicke trafen sich, und sie sah in zwei Augen von unendlicher Bläue, die selbst den Himmel über der Adria vor Neid erblassen lassen konnte. Ausgerechnet an ihren blieben sie kleben. Sie senkte den Blick, um ihn sogleich wieder wie hypnotisiert zu erheben. Was war nur mit ihr los. Er bewegte sich den engen Gang entlang geradewegs auf sie zu und blieb vor ihr stehen. Es war, als würden ihre Augen ein Eigenleben führen, und bereits in ein tiefes Gespräch miteinander verwickelt sein, bevor auch nur ein einziges Wort zwischen ihnen gefallen war. Ihr war, als würden sie sich schon lange kennen, obwohl das nicht sein konnte. Ihr gefielen Typen, die aussahen, als könnte man sich bei ihnen ankuscheln und sich dabei wohl und geborgen fühlen.

Die meisten Plätze waren leer, weil noch nicht alle Reisenden eingestiegen waren. Trotzdem setzte er sich so auf der gegenüberliegenden Seite, dass er sie sehen konnte. Da erst fiel ihr der unangenehm beißende Geruch auf, der aus seinen Kleidern in ihre Nase stieg, in seiner Kragennähe säuerlich begann, bis er, keine Geruchsvarianten im Verlauf nach unten auslassend, mit Fußschweißduft endete, obwohl seine Haare überhaupt nicht fettig aussahen. Sofort zerstörte der Schock über diese menschlichen Ausdünstungen den anfänglichen Zauber dieser so romantisch begonnenen Begegnung. Sie hielt die Luft an, um nicht noch mehr davon einatmen zu müssen, und überlegte, ob sie nicht zu einem Fensterplatz weiter vorn flüchten sollte. Inzwischen waren jedoch die anderen Fahrgäste eingestiegen und hatten die Plätze besetzt. Als der Bus anfuhr, blickte sie starr auf die vorbeiziehende Landschaft, ohne auch nur etwas davon wahrzunehmen. Krampfhaft überlegte sie, was sie tun konnte, um diesen Geruch nicht vierzehn Tage lang ertragen zu müssen. Nach dem freudigen Schauer der Erregung einer vielleicht romantischen Reisebegegnung lief ihr nun ein Schauer des Ekels über den Rücken.

Welch ein Kontrast zu diesen magischen Augen, von denen sie wie unter Zwang angezogen worden war. Wie konnten Anziehung und Abscheu nur so nahe beieinander liegen? Wie war sie doch zuerst von dem Gefühl überwältigt worden, im weiteren Verlauf der Reise mit ihm für nichts mehr garantieren zu können. Hin- und hergerissen, als hätte die Hölle ihren Himmel verwüstet, überkamen sie wieder diese Fluchtgedanken. Sollte sie die Reise nicht doch lieber in der nächsten Stadt abbrechen und mit dem Zug zurückfahren? Die anderen Reisenden schienen zu höflich zu sein, um sich etwas anmerken zu lassen. Als aber irgendjemand aus der Gruppe einmal den Namen Rübezahl erwähnte, womit diesmal aber nicht der Geist aus dem Riesengebirge gemeint war, wussten alle sofort, um wen es sich handelte. Am Abend wartete sie mit den anderen an der Hotelbar auf die Öffnung des Speisesaales. Einige Paare tanzten zum Zeitvertreib zu den Klängen einer Band. Da sah sie ihn kommen. Er hatte inzwischen seine Sachen gewechselt, trotzdem überlegte sie, wie sie reagieren sollte, wenn er sie zum Tanzen aufforderte. Sie fürchtete sich davor, diesem Geruch vor dem Abendessen noch einmal zu begegnen. Daher versteckte sie sich hinter der unnahbarsten Miene, die aufzusetzen sie imstande war, woraufhin er ohne Gruß oder Kopfnicken an ihr vorbei in Richtung Speisesaal stürmte, der gerade geöffnet wurde. Am nächsten Morgen fuhren sie weiter in Richtung Riesengebirge. Der Rübezahl jedoch auf der anderen Seite des Ganges hatte schon wieder seine übel riechenden Klamotten angezogen. Seine Jeans sah steif und speckig aus und erinnerte an alle akribisch festgehaltenen Menüs des vergangenen Jahres sowie an die Plätze, an denen er wohl gewesen sein mochte. Obwohl sie krampfhaft aus dem Fenster sah, bemerkte sie, dass er oft zu ihr herübersah. Sie malte sich aus, was wohl passieren würde, wenn jemand nachts heimlich im Hotel, während er schlief, seine Sachen entwendete und in die Wäscherei brachte. Doch dann fiel ihr ein, dass sie einmal gelesen hatte, dass manche vereinsamten Menschen an ihrem Eigengeruch hingen, wie andere an ihrer Identität und böse reagierten, wenn man ihnen den auch noch wegnahm. Manchmal sprachen sie noch im Bus ein paar belanglose Sätze über den Gang hinweg miteinander, wenn sie auch nur aus Höflichkeit antwortete. Nach seinen Erzählungen war er nicht zu arm für eine Reinigung oder gar obdachlos. Er schien auch eine feste Adresse zu haben und sich im Laufe der Jahre eine auskömmliche Rente erarbeitet zu haben. Einmal reckte er sich, um etwas ins Gepäcknetz zu legen. Irritiert sah sie seine schwarze Netzunterwäsche. Schwarze Netzunterwäsche? Naja, zumindest konnte die nicht mehr dunkel werden. Er bemerkte ihren Blick, und es schien ihm peinlich zu sein, daß sie sie gesehen hatte.

Als sie spät am Abend aus der Bar kam, ging sie an seiner Zimmertür vorbei. Sie hatte sich seine Zimmernummer gemerkt, als die Schlüssel verteilt wurden. In ihrem Kleiderschrank fand sie eine Plastiktüte mit Bettzeug und leerte sie aus. „Die reicht für seine Klamotten“, dachte sie und ging mit der Tüte hinaus auf den Gang. Alles war still. Nur die Nachtbeleuchtung brannte. Mutig und ohne zu zaudern drückte sie vorsichtig die Klinke seiner Tür hinunter. Sie war nicht abgeschlossen. Sie lauschte den gleichmäßigen Atemzügen des in seinem Bett schlafenden Mannes. Da die Vorhänge nicht zu gezogen waren, sah sie im Mondlicht seine Reisebekleidung auf dem Sessel liegen. Geräuschlos raffte sie alles zusammen, stopfte es in die Plastiktüte und tappte damit leise aus dem Zimmer, während er weiterschnarchte. Draußen vor dem Hotel hatte sie eine Reinigung entdeckt, die rund um die Uhr geöffnet war. Der Mann hinter dem Ladentisch sah erstaunt auf, als sie so spät mit der großen Tüte ankam. „Können Sie das bitte alles so schnell wie möglich reinigen?“ fragte sie ihn hastig. Er öffnete die Tüte, und sein Gesicht verkrampfte sich angewidert. „Wollen Sie das nicht lieber in den Müll werfen? „Nein, nein“, ihre Stimme überschlug sich fast, „reinigen sie das bitte, bis es sauber ist, egal wie oft und wenn sie es fünfmal waschen müssen!“ „Aber das kostet!“ rief er kopfschüttelnd aus. „Dafür kriegen sie die Sachen neu!“ „Egal“, antwortete sie und nahm eilig den Reinigungsbon entgegen. Er hatte am anderen Morgen seine Zimmertür geöffnet, als sie zum Frühstück ging. Er trug jetzt Ersatzkleidung und nestelte an seiner Reisetasche herum: „Es ist doch nicht zu glauben“ rief er ihr zu, „aber man hat mir doch heute Nacht meine Klamotten geklaut!“ Dabei schüttelte er den Kopf und lachte ungläubig, als könnte er es selbst nicht verstehen. „Aber nein“, versuchte sie ihn mit einem süßlichen, wenn auch mißlungenen Lächeln zu beruhigen, „das ist ja völlig unmöglich!“ Dabei drückte sie ihm schnell den Reinigungsbon in die Hand: “Da können sie ihre Sachen nachher abholen“, ergänzte sie und verschwand, bevor er etwas erwidern konnte. Als sie diesmal in den Bus stiegen, trug er wieder den Parka, die Baseball-Kappe und die Jeans, diesmal gereinigt und ohne Speisekarten-Appretur. Die verschlissenen Sachen hatten zwar noch mehr von ihrer Farbe verloren, dafür waren sie jetzt aber sauber und stanken nicht mehr. Der Geruch war nun unauffällig und wehte nicht mehr unangenehm zu ihr herüber. Als sie im Bus an ihm vorbeiging, lag ein dumpf brütender Ausdruck auf seinem Gesicht. Unter seinen halbgeschlossenen Augenlidern glaubte sie diesmal unterdrückte Wut zu erkennen. Jedenfalls war der erwartungsvolle Ausdruck aus Kinderaugen kurz vor der weihnachtlichen Bescherung verschwunden. „Aha“, dachte sie, „geht doch!“ Ob sie ihm nun seinen Schutzwall genommen hatte oder nicht! Der unangenehme Geruch war jedenfalls nicht mehr da, aber während der ganzen Busfahrt drehte er sich nicht ein einziges Mal mehr zu ihr um. Vielmehr hatte er nun eine abweisende Miene aufgesetzt, wenn sie an ihm vorbeiging, um sich etwas zu trinken zu holen. Sie hingegen lehnte sich zufrieden in das Polster ihres Sitzes zurück und dachte nach. Irgendwie war sie auch sich selbst auf die Schliche gekommen und diesmal nicht auf ihr verdammtes Helfersyndrom hereingefallen. Ja, man konnte wirklich sagen, auch sie hatte etwas über sich gelernt.

Renate Maslo – Tel.: 040-710 59 09 – 30. Januar 2014